Der Beobachter
In George Penningtons "Die Tafeln von Chartres" findet sich diese einzigartige Beschreibung des inneren Beobachters.
"Alle großen meditativen Geistesschulen haben im Laufe der Jahrhunderte Techniken entwickelt, um die Innenwahrnehmung zu verfeinern. Die regelmäßige Übung dieser Techniken bringt es zwangsläufig mit sich, daß sich nach und nach eine zusätzliche geistige Instanz herausbildet, ein innerer "Beobachter", der das Geschehen des Lebens wahrnimmt, ohne es zu interpretieren oder zu bewerten.
Dieser Beobachter steht gewissermaßen auf neutralem Grund. Er hat keinerlei eigene Meinung, beobachtet aber, wie im Geiste Meinungen zustande kommen und welche Auswirkungen sie haben. Er bewertet nicht, sondern steht hinter dem inneren "Bewerter", schaut ihm gewissermaßen über die Schulter. Er freut sich nicht und leidet nicht, er ärgert sich nicht und wird nicht depressiv: Seine einzige Aufgabe ist es, alles so bewußt wie möglich zu erleben.
Menschen, die diese rein beobachtende Art der Wahrnehmung nicht kennen, leben wie auf einer Achterbahn: Geht es bergauf, so sind sie glücklich, wenn ihr Glück sich wendet, werden sie trübsinnig. Sie identifizieren sich mit allen Dingen und Ereignissen ihres Lebens und haben keinen Abstand zu ihnen. Ein Mensch, dem die geistige Instanz eines inneren Beobachters zur Verfügung steht, wird auch leidvolle Erlebnisse interessant finden und sich vom Glück nicht blenden lassen. Alles ist ihm Gegenstand der Betrachtung, lebendig und lehrreich."
Das Buch ist noch lieferbar: Die Tafeln von Chartres
Anmerkung: Nach den Ausssagen der Quelle in den "Welten der Seele" (mehr Infos) entwickelt erst die reife Seele diese Position des Beobachters. Die damit unumkehrbar veränderte Wahrnehmung der Welt ist demnach ein Entwicklungsschritt, dessen Auswirkungen für junge Seelen nicht nachvollziehbar oder erklärbar sind. Keiner hat diesen wesentlichen Unterschied der Seelenalter wohl so kurz und treffend beschrieben wie George Pennington.

