Lassen Sie Ihre Bücher frei ! Kennen Sie bookcrossing ?
Falls Sie Bücher im Regal stehen haben, die Sie sowieso nie wieder lesen, sollten Sie sie in die Freiheit entlassen. Damit sie jemand anders findet und sich dran freut - so wie Brigitte.de Redakteurin Susanne Arndt.
aus www.brigitte.de
Es war der Abend, als der Orkan über Hamburg wütete. Ich traf mich mit einem Freund in der "Yoko Mono" Bar, weil er mir nachträglich noch was zum Geburtstag schenken wollte. Es waren zwei große Töpfe mit Sonnenblumen. Schön! Wir saßen draußen, tranken Cappuccino und Bier, der Sturm pfiff uns um die Ohren und riss an unseren Haaren.
Irgendwann ging ich auf die Toilette. Dort fiel mein Blick auf ein schmales, dunkelrotes Buch auf der Fensterbank. Für einen Augenblick ignorierte ich es, denn Bücher auf der Toilette sind ja eigentlich nichts Besonderes. Moment mal, aber in einer Bar? Ich sah genauer hin und las den Titel: Bernd Stegemann, "Die Unabwendbarkeit des Augenblicks". Abgebildet war ein Mann, der - so schien es - gegen einen Sturm ankämpft. Wie passend! Dann entdeckte ich den Aufkleber unten rechts auf dem Cover, der mich aufforderte, das Buch mit nach Hause zu nehmen: "Take me home, I'm a BookCrossing Book!". Das ließ ich mir nicht zwei Mal sagen. Ein kleines bisschen fühlte ich mich wie eine Diebin, als ich verstohlen mit dem Buch in der Hand nach draußen ging. Wurde ich vielleicht von der Person beobachtet, die das Buch dorthin gelegt hatte?
Es war ein Gedichtband. Aufgeregt blätterten wir durch die Seiten. Mit den Gedichten konnten wir nicht sehr viel anfangen, aber das Zitat von Emile M. Cioran, das als Vorwort abgedruckt war, gefiel uns sofort: Ganz ohne Ziel leben! Ich habe diesen Zustand aufblinken gesehen und ihn oft erreicht, ohne fähig zu sein, darin zu verweilen: ich bin zu schwach für ein derartiges Glück.
Wie schön. Der "unabwendbare Augenblick", der mir dieses Buch geschenkt hatte, machte diesen Abend erst recht zu etwas Besonderem.
Inzwischen weiß ich, dass ich meinen Fund einem gewissen Ron Hornbaker aus Kansas City zu verdanken habe. Der nämlich hatte im März 2001 die schöne Idee für die Website BookCrossing.com. Neben der Arbeit bei seiner Software Firma "Humankind Systems, Inc." wollte er etwas auf die Beine stellen, das ihm eine "gewisse Wärme" verleihen würde, wann immer er daran arbeitete. Mit seinem Projekt wollte er die ganze Welt zur Bibliothek machen. Überall sollten Menschen Bücher an öffentlichen Orten "aussetzen" - damit andere sie finden, lesen und wieder in die Freiheit entlassen - für den nächsten Bücherfreund.
Und das funktioniert so: Jedes Buch, das man in die Freiheit entlassen will, muss man erst bei BookCrossing.com registrieren. Dabei erhält man eine ID-Nummer, mit der man das Buch versieht, damit sich sein Weg verfolgen lässt - die harmlosere Form einer elektronischen Fußfessel oder eines Peilsenders also.
Wer ein Buch gefunden hat, gibt dessen Kennnummer wiederum bei BookCrossing.com ein, um zu erfahren, wer es ausgesetzt und welchen Weg es bereits zurückgelegt hat. Dann kann man seinen Kommentar abgeben - wer man ist, wo man es gefunden hat und ob es einem gefällt. Die Person, die das Buch in die Freiheit entlassen hat, wird per E-Mail benachrichtigt, wenn ein Finder einen Eintrag gemacht hat. So geben die Bücher im Idealfall immer wieder Lebenszeichen von sich.
Die weltumspannende, kostenlose Bibliothek wächst rapide: Im Juni 2003 kursieren bereits eine halbe Million Bücher in der "Wildnis" - von Afghanistan bis Simbabwe. Fast zwei Drittel der momentan gut 100.000 registrierten BookCrosser leben in den USA, in Kanada sind es mehr als 11.000, in Vietnam 59, in Deutschland mehr als 4.500. Und dass Bücher nicht nur Freunde sind, sondern auch Freunde machen, wusste schon der amerikanische Schriftsteller Henry Miller: Nicht wenige Literaturfans, die über die Website Kontakt aufgenommen haben, tauschen Bücher auch gezielt per Post oder treffen sich persönlich. Denn manchen ist es zu unsicher, ihre Lieblingsschmöker auf der Parkbank, in der Telefonzelle, im Bus, im Waschsalon, in der Kirche, auf dem Bahnhof oder im Flugzeug liegen zu lassen. Zu groß ist die Gefahr, dass sie von putzwütigem Personal im Müll entsorgt werden.
Doch woher kam "Die Unabwendbarkeit des Augenblicks"? Gespannt gebe ich die Kennnummer des Buches bei BookCrossing.com ein. Es stellt sich heraus, dass eine 28-jährige Frau mit dem Nicknamen "nooga" das Bändchen im Yoko Mono ausgesetzt hatte. Da stand etwas nüchtern: "Hab die Gedichte überflogen. Hmm ... sie haben mich ziemlich wenig tangiert." Ging mir ja ähnlich. Außerdem erfuhr ich, dass "nooga" noch acht andere Bücher in Umlauf gebracht hatte. Ich schrieb meinen Kommentar, von dem sie - wenn alles klappt - per E-Mail informiert wird. Mal sehen, wie es weitergeht ... (Susanne Arndt)
Deutsche Seite zu bookcrossing.com:
www.bookcrossers.de
Hier finden Sie die Bücher, die in Schleswig-Holstein freigelassen wurden
und hier die Bücher, die von der Buchhandlung Aukrug freigelassen wurden
