Cornelia Funke: Herr der Diebe.
Bis nach Venedig haben sich Prosper und Bo nach dem Tod ihrer Mutter durchgeschlagen, weil sie nicht getrennt werden wollen. Die ungeliebte Tante zu Hause in Hamburg will zwar den kleinen Bo aufnehmen, Prosper aber soll in ein Internat. In Venedig finden sie Unterschlupf bei Wespe, Riccio und Mosca, einer Bande von Kindern, die in einem alten Kino hausen. Der Herr der Diebe, dessen wahren Namen keiner von ihnen kennt und der genauso jung ist wie sie, hält die Bande mit seiner Diebesbeute über Wasser. Doch schon bald ist ihnen Detektiv Victor im Auftrag der Tante auf der Spur. Er bringt alles in Gefahr, gerade als ein großer Auftrag vom rätselhaften "Conte" lockt. Abenteuerlich, spannend und märchenhaft fesselt der neue Roman von der Autorin des "Drachenreiter" kleine und große Leser von der ersten bis zur letzten Seite. Ideal zum Vorlesen und Selbst-Schmökern. Verena Kähmer ( Ab 10 J.) Dressler Cecilie April 2000 - Gebundene Ausgaben - 391 S. (15,90 €)
Die Mutter von Prosper und Bo hat so wunderbar von Venedig erzählt, dass die beiden sich dorthin aufmachen, nachdem sie gestorben ist (kein Wunder, denn wer sehr traurig ist, kann Löwen mit Flügeln, Kirchen aus Gold, Dächer mit Engeln und Drachen und Kanaltreppen, auf denen Wassermänner ans Ufer steigen, viel nötiger brauchen als egomane Tanten). Cornelia Funke wendet sich in ihrem neuen Buch dem Thema zu, das im Moment wohl das vorherrschende Interesse der Kinder findet: Wie kann man sich ohne Eltern, ohne Zuhause, in dieser Welt den Platz schaffen, der Geborgenheit, Sicherheit und Wärme bietet? Wie kann man mit Menschen zusammenleben, die Lebendigkeit, Freiheit und Lebenslust nicht als Gegenteil dieser Bedürfnisse begreifen? Prosper und Bo finden solche Menschen und in einem großen Abenteuer bestehen sie alle Prüfungen, die Märchen ihren Helden abverlangen. Die Autorin ist eine weise, sanfte Erzählerin, die aber auch Spannung auf den Höhepunkt treiben kann, und sie ist eine liebenswürdige Zeichnerin, die venezianische Stimmungen gut mit Informationen verbinden kann. So schön, wie das Buch sich von außen präsentiert ist es auch innen, und ich wünsche allen Venedigreisenden diese Geschichte als Begleitung. (Einen kleinen Kritikpunkt meldet eine meiner Testleser/innen: Bitte weisen Sie auf die Venedig-Karte im Anhang des Buches hin; das örtliche Sichzurechtfinden im Geschehen erhöht den Lesegnuss, aber Kinder finden die Karte ohne Hilfe erst nach der Lektüre).
